
Strategische Neuausrichtung: Frankreich umwirbt das anglophone Afrika

Von Nicholas Mwangi
Vom 11. bis 12. Mai findet in Nairobi ein zweitägiger Frankreich-Afrika-Gipfel statt, der gemeinsam von den Regierungen Frankreichs und Kenias einberufen wurde. Der französische Präsident Emmanuel Macron wird zusammen mit 30 afrikanischen Staats- und Regierungschefs erwartet. Gastgeber ist Präsident William Ruto.
Rund um die Themen Innovation, Wirtschaftswachstum, wirtschaftliche Zusammenarbeit, Partnerschaft und Sicherheit soll der Gipfel offiziell "das gegenseitige Engagement für die Entwicklung gemeinsamer, für beide Seiten vorteilhafter Lösungen bekräftigen, die auf effektivem Multilateralismus und dem Geist einer transformativen Partnerschaft beruhen".

Ein Strategiewechsel Frankreichs in Afrika
Der Gipfel, der offiziell "Africa Forward Summit: Africa-France Partnerships for Innovation and Growth" heißt, hat bereits wichtige Fragen aufgeworfen: Warum findet der Gipfel im anglophonen Ostafrika statt? Und warum strebt Frankreich zunehmend ein hochrangiges Engagement in dieser Region an?
Der Gipfel in Nairobi scheint nicht nur eine Plattform für Entwicklungszusammenarbeit oder geschäftliches Networking zu sein, sondern Teil einer umfassenderen strategischen Neuausrichtung Frankreichs zu einem Zeitpunkt, an dem sein historischer Einflussbereich in Afrika tiefgreifenden Spannungen ausgesetzt ist. Frankreichs verstärktes Engagement im anglophonen Afrika muss im Kontext seines schwindenden Einflusses in der Sahelzone gesehen werden.
Dieser Strategiewechsel hat bereits Widerstand von panafrikanischen und progressiven Bewegungen in Kenia hervorgerufen.
Progressive Gruppen in Kenia und auf dem gesamten Kontinent haben sich zusammengeschlossen, um den "Panafrikanischen Gipfel gegen den Imperialismus" (PASAI) zu organisieren, einen parallelen Gegengipfel in Nairobi.
Die Kritik des PASAI richtet viele der offiziellen Themen des Gipfels in einer stärker panafrikanischen und antiimperialistischen Perspektive aus.
So lehnt das Bündnis in Bezug auf Finanzfragen Diskussionen über eine bloße "Reform" des internationalen Finanzsystems ab und fordert stattdessen den Abbau neokolonialer Währungsstrukturen sowie den Erlass afrikanischer Schulden. Die Kritik stellt historische Verbindungen zu Systemen wie dem CFA-Franc her, der von Kritikern seit langem als Mechanismus zur Aufrechterhaltung der französischen wirtschaftlichen Kontrolle in Teilen des frankophonen Afrikas angesehen wird.
Infrage gestellt wird zudem die Betonung der "grünen Industrialisierung" und der "Energiewende" durch den Gipfel. PASAI argumentiert, dass die eigentlichen Ursachen des Klimawandels bekämpft werden sollten, statt auf die falschen Lösungen des grünen Kapitalismus zu setzen.
Der Bruch in der Sahelzone
In den letzten Jahren hat sich die antifranzösische Stimmung im gesamten Sahel verstärkt. Militärregierungen in Mali, Burkina Faso und Niger, die durch patriotische Staatsstreiche an die Macht gekommen waren, vertrieben französische Truppen und stuften als Reaktion auf den Druck der Bevölkerung die diplomatischen Beziehungen zu Paris herab.
Demonstrationen gegen die französische Militärpräsenz haben in ganz Französisch-Westafrika an Häufigkeit zugenommen und sind nicht nur auf die AES-Länder beschränkt. Denn viele junge Afrikaner stellen die Frage, ob die jahrzehntelange französische Intervention Sicherheit oder substanzielle Entwicklung gebracht hätte.
Diese neue politische Stimmung im Sahel wird zunehmend von Forderungen nach Souveränität, Antiimperialismus und der Ablehnung ausländischer militärischer Kontrolle bestimmt. Die Präsenz Frankreichs, die früher durch Terrorismusbekämpfung und "Sicherheitspartnerschaften" gerechtfertigt wurde, wird heute von Kritikern, Aktivisten und einem Teil der Führungskräfte des Kontinents weithin als Fortsetzung neokolonialer Einflussnahme unter dem Deckmantel der Sicherheit angesehen.
Die anhaltende Unsicherheit in der Region hat Frankreichs Position weiter verkompliziert. In Mali haben die koordinierten Angriffe am Wochenende des 2. Mai, darunter der Anschlag, bei dem Verteidigungsminister Sadio Camara ums Leben kam, ein Licht auf die anhaltende Instabilität geworfen, die den Sahel seit Jahrzehnten prägt – trotz (oder gerade wegen) des langjährigen ausländischen Militäreinsatzes.
Gleichzeitig gehört der frankophone Block trotz jahrzehntelanger enger Beziehungen zu Paris nach wie vor zu den ärmsten Regionen der Welt. Die frankophonen Länder Westafrikas zählen global zu den 40 am wenigsten entwickelten Ländern, während dies auf die benachbarten anglophonen Länder nicht zutrifft.
Diese Realität hat die Argumente afrikanischer Intellektueller und Aktivisten gestärkt, die "Françafrique" als ein neokoloniales System beschreiben, das französische wirtschaftliche und strategische Interessen wahrte, während es gleichzeitig die Souveränität einschränkte und strukturelle Veränderungen in afrikanischen Staaten behinderte.
In diesem historischen Kontext muss Frankreichs Hinwendung zu Ostafrika verstanden werden. Progressive Bewegungen in Kenia sehen den Gipfel in Nairobi zunehmend nicht nur als diplomatisches oder wirtschaftliches Forum, sondern als Teil einer umfassenderen französischen "Reset"-Strategie nach Rückschlägen in der Sahelzone und dem Aufkommen einer stärker multipolaren Weltordnung.
Während Mächte wie China, Russland und die Türkei ihr Engagement in ganz Afrika vertiefen, versucht Frankreich, seinen Einfluss durch neue Allianzen und regionale Stützpunkte wiederherzustellen.
Warum Ostafrika und warum Kenia?
Ostafrika präsentiert sich als strategischer Vorposten für diese Neuausrichtung. Im Gegensatz zum politisch instabilen Sahel wird Kenia von den westlichen Mächten als relativ stabil, wirtschaftlich einflussreich und strategisch günstig innerhalb regionaler und globaler Netzwerke positioniert angesehen.
Außerdem diente das Land historisch gesehen als Einfallstor für westliche wirtschaftliche, diplomatische und sicherheitspolitische Interessen in der Region.
Kenyas Hauptstadt Nairobi fungiert bereits als diplomatische, finanzielle und logistische Drehscheibe für internationale Organisationen und ausländisches Kapital, die in Ostafrika tätig sind. Nairobi beherbergt die Regionalbüros von IWF, Weltbank, International Finance Corporation, Afrikanischer Entwicklungsbank und anderen Institutionen.
Dass der Gipfel in Nairobi stattfindet, ist daher von großer symbolischer Bedeutung. Von multinationalen Konzernen und internationalen Finanzinstitutionen bis hin zu Kooperationen im Bereich der Sicherheit spielt Nairobi eine zentrale Rolle innerhalb der übergeordneten geopolitischen Strategien auf dem Kontinent.
Die außenpolitische Orientierung von Präsident William Ruto hat Kenia kontinuierlich in enger Anlehnung an die strategischen und wirtschaftlichen Interessen des Westens positioniert. Im Jahr 2025 unterzeichnete Kenia ein fünfjähriges Verteidigungskooperationsabkommen mit Frankreich. 2024 wurde Kenia offiziell zum "Major Non-NATO Ally" (wichtiger Verbündeter, der kein NATO‑Mitglied ist) ernannt. Dies geschah, ohne zu berücksichtigen, inwieweit eine solche Annäherung innenpolitische Entwicklungsprioritäten widerspiegelt und inwieweit sie externen geopolitischen Erwartungen entspricht.
Kenias immer wichtigere Rolle als Plattform für westliche diplomatische Initiativen, darunter der Frankreich-Afrika-Gipfel, deutet auf eine tiefere Einbindung in sich wandelnde globale Machtstrukturen hin.
Das erneute Interesse Frankreichs am anglophonen Afrika spiegelt den Versuch wider, seinen Einfluss über die schwächer werdenden Fundamente der "Françafrique" hinaus zu diversifizieren und sich gleichzeitig an ein Afrika anzupassen, das zunehmend politische Eigenständigkeit in einer multipolaren Welt beansprucht.
Während Frankreich diesen Kurswechsel mit den Begriffen "gleichberechtigte Partnerschaft" und "effektiver Multilateralismus" umschreibt, vertreten Aktivisten die Ansicht, dass die zugrunde liegenden Ziele weitgehend unverändert bleiben: Wahrung des strategischen Einflusses, Zugang zu wirtschaftlichen Möglichkeiten und Aufrechterhaltung der geopolitischen Relevanz auf dem Kontinent. Es scheint, als könnten die anglophonen Länder Frankreichs neue Frontlinie sein.
Aus dem Englischen übersetzt von Olga Espín.
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